Antrag 154/I/2026 Mehr Median wagen – Wohlstand an der Realität der Mehrheit messen

Der Kongress der Party of European Socialists möge beschließen:

Die Abgeordneten der SPD-Fraktion im Europäische Parlament mögen sich dafür einsetzen:

 

Vergleich BIP pro Kopf und Medianwerte

 

Wenn man sich das BIP pro Kopf in Deutschland anschaut, lag dies 2024 bei 51.833 €. Rechnet man z. B. die Top 10 % der Einkommen heraus, wäre man nur noch bei ca. 36.300 €. Betrachtet man aber noch das Medianeinkommen – also das Einkommen, das in der Verteilung genau in der Mitte liegt (50 % darüber und 50 % darunter) – ist man nur noch bei knapp 26.000 €. Das ist nur noch knapp die Hälfte des BIP pro Kopf und verdeutlicht, wie verzerrt die Darstellung ist.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist ein international üblicher Wohlstandsindikator. Allerdings handelt es sich dabei um einen Durchschnittswert, der durch extreme Spitzen nach oben verzerrt ist. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist diese Zahl kaum aussagekräftig.

  • Studien des DIW Berlin zeigen, dass die Einkommen im obersten Dezil (Top 10 %) in den letzten Jahrzehnten weit stärker gewachsen sind als die Einkommen der unteren 50 %
  • Der OECD-Bericht „Under Pressure: The Squeezed Middle Class“ (2019) belegt, dass die Mitte der Gesellschaft seit Jahren stagniert, während die Oberschicht ihren Wohlstand ausgebaut hat.
  • Laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2021) liegt das Median-Nettovermögen in Deutschland bei ca. 70.000 €, während der Durchschnitt durch Milliardär:innen auf über 230.000 € getrieben wird – eine Verzerrung, die soziale Ungleichheit verschleiert.

 

Medianwerte sind deshalb ergänzend nicht nur ökonomisch präziser, sondern auch politisch ehrlicher. Sie machen sichtbar, dass die „gefühlte Ungerechtigkeit“ vieler Menschen nicht Einbildung ist.

 

Deshalb fordern wir:

 

  • in allen offiziellen Regierungsberichten (z. B. Jahreswirtschaftsbericht, Armuts- und Reichtumsbericht) Median-Einkommen, Median-Vermögen und Medianlöhne und alle Quartile sowie der Abstand zwischen Median und Armutsgrenze verpflichtend neben dem BIP pro Kopf auszuweisen;
  • dafür zu sorgen, dass diese Kennzahlen in der öffentlichen Kommunikation stärker betont werden, um die Lebensrealität der Mehrheit sichtbar zu machen;
  • sich auf EU-Ebene für eine Verankerung von Median-Indikatoren im Europäischen Semester stark zu machen, um die soziale Dimension der EU zu stärken;
  • wissenschaftliche Institute (z. B. DIW, Hans-Böckler-Stiftung) zu beauftragen, regelmäßig Verteilungsberichte vorzulegen, die Medianwerte ins Zentrum stellen.