Antrag 155/I/2026 Lebensmittelverschwendung wirksam eindämmen – Angebotsseite in den Blick nehmen, Kooperation mit den Tafeln stärken

Wir fordern, dass die SPD sich auf allen Ebenen dafür einsetzt, Lebensmittelverschwendung verbindlich zu reduzieren und gleichzeitig die bestehende Zusammenarbeit zwischen Supermärkten und gemeinnützigen Organisationen wie den Tafeln zu stärken. Dabei sollen nicht reine Zwangsmaßnahmen im Zentrum stehen, sondern transparente Nachweise, digitale Lösungen und positive Anreize.

 

In Deutschland werden jährlich rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt – etwa 20 % des gesamten Nahrungsmittelverbrauchs. Ein relevanter Teil davon fällt im Handel an, während die Nachfrage bei den Tafeln steigt.

 

Die steigende Nachfrage und Fortbestehen von Tafeln ist Ausdruck politischen Versagens, da sie, ebenso wie andere wohltätige Hilfsangebote, letztlich eine verdeckte Transferleistung von Spendenden und staatlicher Förderung an Arbeitgeber*innen darstellen, die keine existenzsichernden Löhne oder betriebliche Altersvorsorge gewährleisten, sowie deren Aktionär*innen. Betroffene Haushalte sind von Zeitknappheit, unregelmäßigen Arbeitszeiten und psychischer Belastung geprägt, was eine vorausschauende Essensplanung und rechtzeitige Verarbeitung von Lebensmitteln erschwert. Lebensmittelverschwendung ist ebenfalls nicht nur eine Frage des Konsums, sondern auch der Produktionsweise, die auf Überproduktion, Preisdumping und Profitmaximierung statt auf bedarfsgerechte und nachhaltige Verteilung ausgerichtet ist. In Landwirtschaft, Verarbeitung, Logistik, Einzelhandel und Lieferdienst arbeiten viele Menschen zu niedrigen Löhnen, unter hohem Zeitdruck und unsicheren Verträgen. Das begünstigt Fehlplanung, Nachlässigkeit bei Lagerung und Transport sowie Überproduktion, weil Qualitätssicherung durch Wegwerfen billiger als über sorgfältige Arbeit organisiert wird. Dabei entstehen außerdem exorbitante Mengen an Verpackungsmüll. Diese Realitäten gilt es politisch zu überwinden, wie bereits an verschiedenen Stellen beschlossen.

 

Viele Supermärkte arbeiten bereits mit den Tafeln zusammen; der Umfang hängt jedoch stark vom Engagement der Marktleitenden ab. Wichtig ist daher nicht, die Unternehmen zusätzlich zu belasten, sondern die Zusammenarbeit einfacher, nachweisbarer und attraktiver zu gestalten.

Die Einführung digitaler Lieferscheine über die Tafel-App erleichtert die Dokumentation, senkt den Aufwand und sorgt für Transparenz über abgegebene Lebensmittel. So können Spenden geprüft, erfasst und statistisch ausgewertet werden.

Die Logistik der Tafeln wird zunehmend komplexer. KI-gestützte Tourenplanung und Lagerverwaltung haben sich bereits als effizient erwiesen und können bundesweit dazu beitragen, Lebensmittelverschwendung weiter zu verringern und Spenden bedarfsgerecht zu verteilen.

Durch eine Kombination aus Nachweis, Anreizmechanismen und digitaler Unterstützung kann Deutschland das Ziel, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren, wirksam erreichen – sozial, ökologisch und praxisnah.

 

Deshalb fordern wir:

 

  • Vermeidung von Überproduktion und nachweisbare Weitergabe: Betriebe der Lebensmittelherstellung und des Großhandels sollen verpflichtet werden, regelmäßig zu dokumentieren, wie sie Überproduktion vermeiden und wie überschüssige, genießbare Lebensmittel in nachgelagerte Verwertungskanäle (z. B. Weiterverarbeitung, Spenden, Tierfutter) gelangen.

 

  • Wegwerfquote sichtbar machen: Auf verderblichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Milchprodukten soll neben dem Herkunftsland auch ausgewiesen werden, wie viel vergleichbare Ware durchschnittlich pro Kilogramm entlang der Lieferkette verloren geht oder entsorgt wird.

 

  • Digitale Lieferscheine über die Tafel-App: Die bereits von der Berliner Tafel genutzte App zur Erfassung von Abholungen und Spenden soll bundesweit als Standard etabliert werden. Digitale Lieferscheine ersetzen langfristig alle Papierdokumente und ermöglichen eine transparente, effiziente Dokumentation.

 

  • Technologische Unterstützung für die Tafel-Logistik: Gemeinnützige Organisationen wie die Tafeln sollen beim Ausbau digitaler Strukturen unterstützt werden. Künstliche Intelligenz kann bei Tourenplanung, Lageroptimierung und Angebots-Nachfrage-Abgleich helfen und so die Verteilung der Lebensmittel effizienter machen.

 

  • Strukturelle Förderung der Tafeln: Bund und Länder sollen Förderprogramme ausweiten, damit die Tafeln steigende Lebensmittelmengen logistisch, finanziell und personell bewältigen können.